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Kunst, und ihre Aufgaben
Vor ungefähr hundert Jahren wurden in der Schweiz die
grossen Schlachten- und Heldendenkmäler geschaffen; das
für den Winkelried, das für den Fontana, das Telldenkmal,
um einige zu nennen. Dies war Auftragskunst. Politiker gaben
den Auftrag und machten den Künstlern ganz genaue Vorschriften.
Beim Telldenkmal wurde schriftlich vorgeschrieben, Willhelm
Tell ist als freiheitsstolzer, kühner, entschlossener Mann
in der landesüblichen Bauerntracht darzustellen. Der Bildhauer
Richard Kissling führte den Auftrag aus. Der Politiker,
welcher das Denkmal anregte, wurde damit belohnt, in dem
sein Kopf als Modell diente. Den muskulösen Körper fand
Kissling in einem Zürcher Männerbad. Auf jeden Fall hatten
alle ihre Freude daran. In der Zwischenzeit haben sich die
Aufgaben des Künstlers verändert.
Schang Hutter sieht sich nicht, wie Richard
Kissling als Staatskünstler oder Dekorateur von öffentlichen
Räumen, sondern vielmehr als eine Art von Seismograph, der
die Gesellschaft auf Ungerechtigkeit hinweist. So möchte
Shang Hutter, wenn er in der Öffentlichkeit arbeitet, eine
Diskussion provozieren. Gerade in der Öffentlichkeit ist
dies wichtig, weil dort Menschen angesprochen werden die
normalerweise keinen grossen Zugang zur Kunst haben.
Schang Hutters Motivation als Künstler
Wieso Schang Hutter Künstler wurde, hängt zusammen mit
seinen Erinnerungen an München. "In Solothurn bin ich geboren,
aber in München bin ich auf die Welt gekommen", sagte er.
Wie diese Zeit in München ihn als Künstler, der sich nicht
als Dekorateur von Räumen versteht, bestimmt hat, hatte
er aufgeschrieben.
"Ich wollte nicht Künstler werden. Zu Hause in meiner
Familie, wo ich aufgewachsen bin, wurde ich
als Kind sehr eng erzogen. Meine Eltern haben viel gearbeitet
für uns Kinder, wie sie öfters zu mir gesagt haben, damit
es uns später besser gehe. Ich, der Schanli war bestimmt,
das Bildhauergeschäft meines Vaters einmal weiter zu führen.
So habe ich das Bildhauern als Beruf gelernt. Es wäre gelogen,
wenn ich behaupten würde, das hätte mir nie Spass gemacht,
dieses Bildhauern. Ich bin Handwerker und ich bin das sehr
gerne. Es macht mir Spass etwas von Hand zu machen und es
gut zu machen. Aber in meinem Kopf tut's auch umeinander
und wie. 1954 in München, wo ich das Bildhauern studierte,
traf mich der Schock. Der zweite Weltkrieg war eben vorbei,
vieles erinnerte an dieses schreckliche Ereignis. Bei jedem
Liebesglück wechselte sich das Streicheln mit den Geschichten
aus dem Krieg. Er war immer da, dieser schrecklicher Krieg.
Was konnte ich mit meinem erlernten Handwerk gegen diese
wahnsinnigen Inhalte tun. Es war zum Verzweifeln. Schönes
Erarbeiten machte mir keinen Spass mehr. Das Unschulds -
Familien - Solothurnleben war zerstört. Ich stand allein
mitten in der schaurigen Welt.
Ja, ganz allein mit meinem viel disziplinierten Handwerk,
das ich nicht gebrauchen konnte, um mein Entsetzen über
die Taten der Menschen gegeneinander auszudrücken.
Ich fühlte mich total allein. Mich plagte die Angst
auch zu diesen schlechten Menschen zu gehören, wenn
sich nur eine Gelegenheit bieten würde. So geriet ich
in die Isolation, aus der heraus ich bis heute mit diszipliniertem
Arbeiten versuche die Aussage zu machen, die mich wieder
in die Gesellschaft eingliedern sollte. Ich stellte und
stelle mit meinen Figuren Menschen dar, die von der Gesellschaft
ausgegrenzt, vernachlässigt, getötet wurden. Ich
will darauf aufmerksam machen, dass die Menschen zu einander
Verantwortung tragen. Niemand darf ausgegrenzt werden. Es
ist mir nicht gelungen und es wird mir nie gelingen. Es
ist mein Irrtum zu glauben, ich müsste nur seriös
und viel arbeiten, dann würde meine Aussage verstanden.
Vor der Gesellschaft habe ich das Handwerk missbraucht,
um ihr zu zeigen, was sie nicht sehen will. Man wird wie
die Verrückten und die Künstler von der Gesellschaft
aktiv sequestriert. Daran ist kein Zweifel möglich.
Ich wünschte nicht, es wäre für mich anders
gewesen. Ich schäme mich nicht über meine untauglichen
Versuche. Auch habe ich die Arroganz nicht, so zu tun, als
hätte ich mein Unvermögen früher erkennen
können. Ich werde lernen und mit den erkannten Veränderungen
weiter gegen die Ausgrenzung von Menschen arbeiten."
(1)
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